Krisen im Betrieb
Möglichkeiten kirchlichen Handelns
Die Schlagzeilen der Tageszeitungen über die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise machen die Angst um den eigenen Arbeitsplatz zum allgegenwärtigen Lebensgefühl. Gestern AEG und Quelle - und morgen? Morgen kann es sein, dass ein Betrieb aus der unmittelbaren Nachbarschaft in eine wirtschaftlich schwierige Lage gerät: Umstrukturierung, Standortverlagerung, drohende Insolvenz können die Folgen sein.
Wenn der "Ernstfall" eintritt, mischt sich unter das Erschrecken und die Betroffenheit oftmals auch Hilflosigkeit: Was können wir als Kirchengemeinde in einer solchen Krisensituation tun?
Als kda ist es unsere Aufgabe, Ihnen beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Der Flyer "In der Krise handeln" (~125 KB) soll Ihnen eine erste Orientierung über mögliche brennende Fragen im Zusammenhang mit Betriebskrisen und Personalabbau geben. Sie können den Flyer auch als Druckerzeugnis bestellen.
Ausführlichere Informationen zu folgenden Fragen
- Wie erfahren wir von der Krise vor Ort? Was müssen wir beachten, bevor wir uns als Kirchengemeinde bei einer Betriebskrise engagieren? (~360 KB)
- Wen können wir um Rat fragen, und mit wem können wir kooperieren? (~360 KB)
- Was bringen wir als Gemeinde als Gaben mit, um eine Betriebskrise zu begleiten? (~360 KB)
- Was können wir konkret bei einer Betriebskrise tun? (~360 KB)
- Was können wir tun, wenn die Betriebskrise unsere ganze Region betrifft? (~360 KB)
- Wie können wir als Gemeinde und Dekanat auch nach der Krise dran bleiben? (~380 KB)
Nachfolgend zwei Beispiele kirchlichen Handelns in der Krise:
"Wir begleiten die Menschen"
Der französiche Autozulieferer Valeo hat 2009 sein Werk in Neuses bei Kronach in Oberfranken geschlossen. Rund 250 Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz verloren. Die kda-Regionalstelle Coburg begleitet die betroffenen Menschen.
TV Obefranken hat ein Treffen ehemaliger Valeo-Beschäftigter besucht. Der Filmbeitrag (3.41 Min.) wurde im Januar 2010 in der Sendung "Grüß Gott Oberfranken" ausgestrahlt.
"Alle müssen sich vor Gott verantworten“

- Stadtdekan Michael Bammessel / Foto: Feulner
Aufschrei der Quelle-Beschäftigten / Nürnberg, 4. November 2009
Rede von
Stadtdekan Michael Bammessel
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Quelle und von allen betroffenen Betrieben,
im Namen der beiden großen Kirchen in unseren Städten Nürnberg und Fürth sage ich Ihnen: Wir sind mit Ihnen solidarisch, wir teilen Ihre Wut und Ihre Trauer.
Auch wenn man ein gläubiger Mensch ist, kann man manches ganz und gar nicht glauben:
- Ich jedenfalls kann nicht glauben, dass die Pleite der großen Quelle unvermeidbar war und dass es sich hier um eine angeblich notwendige Marktbereinigung handeln soll.
- Ich kann auch gar nicht glauben, dass der sogenannte „Markt“ immer recht hat und man alles ruhig dem Markt überlassen kann, weil der Markt ja angeblich automatisch dafür sorgt, dass es am Ende allen besser geht, und
- Ich kann auch überhaupt nicht glauben, dass es ein Naturgesetz sei, dass immer die kleinen Leute die Suppe auslöffeln müssen – das ist nicht von der „Natur“, sondern von Menschen so gemacht.
Nein, ich will nicht glauben, dass man Ungerechtigkeiten einfach so hinnehmen muss.
Was ich aber glaube, ist dies:
- Ich glaube: Es ist mehr Gerechtigkeit in unserem Land notwendig und möglich.
- Ich glaube: Jeder Mensch ist gleich wertvoll. ein Service-Mitarbeiter ist ein genauso wichtiger Mensch wie ein Manager. Eine Verkäuferin ist genauso wertvoll wie ein Aktionär und eine Reinigungskraft hat genauso viel Würde wie ein medienwirksamer Minister.
- Und ich glaube, dass ein junger Auszubildender ein Recht auf eine Zukunft hat. Ich glaube: Auch eine 50-Jährige oder 55-Jähriger sind viel zu wertvoll, um einfach aussortiert zu werden. Und ich glaube, dass ein jeder, der für eine Firma arbeitet, zuallermindest ein Anrecht darauf hat, vernünftig informiert zu werden.
Ich glaube, dass die 10 Gebote auch für Investmentbanker und Firmenchefs gelten.
Zum Beispiel das 7. Gebot: „Du sollst nicht stehlen“. Wenn Leute aus Banken Spielbanken machen und schwindelerregende Summen verzocken - und dann fehlen hier vor Ort die nötigen Kredite, um den Versandhandel abzusichern – und am Ende der Kette verlieren Leute massenhaft ihr Einkommen, dann ist das nichts anderes als ein großer Diebstahl und ein Verstoß gegen das Gebot: Du sollst nicht stehlen.
Oder das 1. Gebot: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Wenn Leute den Finanzmarkt zum Gott erheben und sich selbst „Masters of the Universe“ nennen oder wenn auch mancher Politiker das angeblich freie Spiel der Marktwirtschaft zum alleinigen Maßstab gemacht haben (und sich nun wundern, dass der Götze Markt blutige Opfer fordert), dann sage ich: Das ist nichts anderes als Sünde gegen das erste Gebot: du sollst dir keine Götter machen.
Oder das 9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Ja, wenn die einen märchenhafte Boni oder riesige Provisionen bekommen oder Renditen von 25 Prozent erzielen - woher kommt es denn? Der Superreichtum der einen ist oft das Opfer der anderen. Und während die einen sich in Ruhe in ihre Villa mit Seeblick zurückziehen können, bangen Hundert andere jetzt um ihre kleine Eigentumswohnung, weil sie die Raten nicht abbezahlen können. Was ist das anders als Sünde gegen das Gebot: „Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus.“
Ich glaube, dass sich alle vor Gott verantworten müssen, die andere Menschen ins Unglück stürzen.
Wichtig ist jetzt aber auch, dass möglichst vielen Menschen geholfen wird. Es gibt viele Hilfsangebote von der Stadt und von Firmen in der Region. Diese Welle der Solidarität finde ich großartig. Auch wir von den Kirchen und von der Diakonie versuchen unser Bestes: Die Mitarbeiterinnen im Quelle-Kindergarten und –Hort in der Wandererstraße wurden z.B. von der Diakonie Rummelsberg übernommen. Eine Kirchengemeinde hat spontan Ausbildungsplätze angeboten und die Diakonie Neuendettelsau macht Angebote zur Umschulung in Pflegeberufe. Das wird nicht allen helfen, aber jede Hilfe zählt.
Um mehr Menschen helfen zu können, braucht es auch verstärkt Hilfe von der Staatsregierung und dem Bund. Die Menschen in der Region brauchen Auffangmöglichkeiten und eine neue Perspektive. Wir sind heute doch nicht hier, um eine Beerdigung zu begehen. Unsere Region muss wieder Mut schöpfen.
Ich bin überzeugt: Jeder Mensch wird gebraucht. Lasst uns dafür gemeinsam arbeiten - mit Wort und Tat.


