"Es braucht viele kleine Schritte"
NÜRNBERG - Mut machende Strategien für die Arbeit von Betriebs-/Personalrat und Mitarbeitervertretung war das Thema eines Seminars der Initiative Pflegeberufe Nürnberg. Angst ist in der Arbeitswelt weit verbreitet. "Arbeitgeber setzen auch Angst als Führungsmittel ein", sagte Referentin Tatjana Fuchs, Dipl.-Soziologin am Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie. Auch in der Altenpflege gibt es viele Ängste: Wir dürfen keine Fehler machen, wir dürfen nichts vergessen, wir müssen immer gute Miene machen, wir müssen jederzeit einspringen ... sonst gibt es Ärger mit den KollegInnen, bekomme ich einen schlechten Dienstplan, verliere ich meinen Arbeitsplatz ... Wie ensteht Angst, und was bedeutet das für unseren Kopf und Körper? Wie kann Angst bewältigt werden? Wie kann der Kreislauf aus Angst und Ohnmacht durchbrochen werden? Welche lösungs-, beiteligungs und handlungsorientierte Strategien können die betrieblichen Interessenvertretungen anwenden, um die Belegschaft Schritt für Schritt zu ermutigen?
Auf die Frage, was löst Angst aus?, wurde deutlich, dass häufig Führungskräfte - bewusst oder unbewusst - Ängste verursachen. Genannt wurde beispielsweise: mit Entlassung drohen, Abmahnung, sog. Vier-Augen-Gespräche, Drohung mit Insolvenz, Anschreien und Spalten der Belegschaft. Organisatorische und strukturelle Mängel sowie persönliche Überlastung aufgrund der Arbeitsdichte führen ebenfalls zu Angstreaktionen. "Ich lass mich nicht kaputt machen", sagte eine Teilnehmerin zum Selbstschutz.
Psychische Erkrankungen auf Rekordhoch
Sozialsekretär Norbert Feulner vom evangelischen Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) und Mitinitiator der Initiative Pflegeberuf Nürnberg verweist auf aktuelle Zahlen, dass rund 30 Prozent der Deutschen innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung leiden. Darunter fallen auch Angsstörungen. 2009 haben die Rentenversicherungen mit 64.000 Verrentungen wegen psychischer Erkrankungen einen Rekord festgestellt. Feulner kritisierte die Behauptung, dass nur die Angst im Menschen unerschöpfliche Energie freisetze und ihn dazu zwinge härter und ausdauernder zu arbeiten, um nicht ins Mittelfeld abzurutschen.
Nicht der Held als Modell ist gefragt
"Es geht nicht darum, die Angst zu therapieren, sondern einen Lernraum im Betrieb zu schaffen, in dem der Umgang mit Angst eingeübt werden kann. Dazu braucht es viele kleine Schritte", ermunterte Referentin Fuchs die anwesenden Arbeitnehmervertreter aus stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen bei Kommunen, Wohlfahrtsverbänden sowie Diakonie und Caritas.
Wie Beschäftigte mehr Mut durch Beteiligung erreichen können zeigte die Referentin an einer Vielzahl erprobter praktischer Beispiele. Der Vortrag als PDF-Datei zum Herunterladen (~1,4 MB)
Gewerkschaftssekretär Peter Schmitt-Moritz von ver.di-Mittelfranken kündigte an: "Wir bleiben an dem Thema dran!"
Auszug aus dem Songtext "Angst" von Herbert Grönemeyer:
Angst als Methode angewandt
Einschüchtern ist eingeplant
Angst stellt ruhig, Angst kriegt klein (...)
Angst ferngelenkt zu werden
Angst vor dem Aus
Es allen recht zu machen
Angst frisst auf
Angst sich zu wehren
Angst allein zu sein
Angst vor der Angst
Wir schlafen ein


