03.02.2011
Altenpflege: Arbeiten in der Pflege - Ein Beruf im Dauernotstand
„Eigentlich müsste ich einmal am Tag die Temperatur im Kühlschrank auf Station messen und dokumentieren“, erzählt mir die Altenpflegerin Anke H.* Weil sie das nicht ganz regelmäßig gemacht hat, gibt es jetzt Krach mit der Pflegedienstleitung. „Erst die Zertifizierung und jetzt die Überprüfung aller Heime, die Kolleginnen drehen langsam durch“, so Anke H., die halbtags in einer Altenpflegestation arbeitet. Die dauernde Auseinanderssetzung mit Krankheit, Demenz, Depression, Schmerzen und Tod gehört genauso zu ihrem Alltag wie geteilter Dienst am Wochenende, Einspringen für kranke Kolleginnen in der eigenen Freizeit, regelmäßige Überstunden, schweres Heben, ständiges Stehen, die Bewältigung von hektischen Situationen und oftmals anstrengende Auseinandersetzungen mit Angehörigen.
Mit dem demographischen Wandel und der Zunahme von pflegebedürftigen Menschen bedarf es vermehrt gut ausgebildeter und motivierter Pflegekräfte. Doch die Anforderungen an die Altenpfleger/innen steigen ständig, die Personaldecke ist dünn, die Handlungsfreiheit durch Vorgaben aus der Pflegeversicherung und zum Teil unzeitgemäße hierarchische Führungsstrukturen stark eingeschränkt. Da nimmt es nicht Wunder, dass die Betroffenen – übrigens zu weit über 80 Prozent Frauen - ihren eigenen Beruf als wenig attraktiv einschätzen. Ist er doch auch gesellschaftlich bisher wenig anerkannt und der Berufsstand mit öffentlicher Kritik an den „Zuständen“ in Pflegeheimen konfrontiert.
Dieser Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung drückt sich auch in den Gehältern im Altenpflegebereich aus. Anke H. bringt für ihre offiziell 20 Stunden in der Woche, die öfters auch mal 30 werden, rund 700.- Euro netto nach Hause. Nach einer Untersuchung des Internationalen Instituts für empirische Sozialökonomie (INIFES) im Auftrag des DGB-Index „Gute Arbeit“ beziehen 72 Prozent der befragten Beschäftigten der Altenpflege ein Bruttoeinkommen von unter 2.000.-Euro. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungen zählen die daraus resultierenden Nettoentgelte von rund 1.260 .-Euro zu den Armuts- und Prekärlöhnen.
Aber nicht nur wegen dem geringen Verdienst bewerten 52 Prozent der befragten Altenpfleger/innen ihre Arbeit als schlecht. (36 Prozent bewerten sie als mittelmäßig und nur 12 Prozent als gut). „Jedem Zweiten fehlt (…) Unterstützung, er wird von Qualifizierung ausgeschlossen, hat schlechte Arbeitszeitmodelle, unergonomische Arbeitsplätze (…) Auch die Einflussmöglichkeiten fehlen, weil jeder Handgriff über Zeitvorgaben gesteuert wird. Ich bekam den Eindruck, dass gegenüber der Altenpflege sogar Akkordarbeit Freiheiten birgt“, so die Soziologin Tatjana Fuchs, die die Studie für INIFES erarbeitet hat, bei einem Interview in der „Nürnberger Zeitung“.
Trotzdem ist eine große Zahl der Pflegenden vom Sinngehalt der eigenen Arbeit motiviert und schätzt die vorhandene Kollegialität und Möglichkeiten zur Kreativität am Arbeitsplatz, wie die INIFES –Studie zeigt. Allerdings können sich über die Hälfte der Befragten unter Berücksichtigung ihres Gesundheitszustandes und der Arbeitsbedingungen nicht vorstellen, ihre Tätigkeit bis zum Rentenalter auszuüben. Die Folgen dieses Spagats zwischen eigenem Anspruch und beruflicher Belastungsrealität reichen von emotionaler Erschöpfung, über Rücken-, Schulter- und Kopfschmerzen bis zu Dauermüdigkeit, Schlafstörungen und depressiven Symptomen.
„Wenn ich wieder mal sieben Tage am Stück durchgearbeitet habe, bin ich fix und fertig. Aber eigentlich müsste ich dort unten jeden Tag topfit antreten“, schildert Anke H. Immerhin hat sie mit den Kolleginnen Team-Supervision und konnte in den letzten Monaten eine berufsbegleitende Qualifizierung absolvieren. So selbstverständlich diese Maßnahmen sein sollten – für viele von Anke H.´s Kollegen/innen werden sie auf absehbare Zeit Wunschträume bleiben.
Hanna Kaltenhäuser, kda Bayern
Wissenschaftliche Referentin
* Name geändert


