Dieter Schlee: Kraftvoller Nachbar geht in Ruhestand
NÜRNBERG - Pfarrer Dieter Schlee von der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche aus Nürnberg-Lichtenhof ist zum Jahresende in den Ruhestand gegangen. Die Gustav-Adolf-Kirche ist quasi die Hauskirche der kda-Zentrale. Mit einem kräftigen(den) Text meldet sich Pfr. Schlee noch einmal zu Wort. In seiner Abschiedspredigt nimmt er die Kirche und manche ihrer Spitzenvertreter ins Visier.
Foto: Kirchengemeinde Nürnberg-Lichtenhof Gustav-Adolf-Gedächtniskirche
Hungerlöhne und Altersamut
Wie im Märchen erschien es einem, wenn man früher hörte, dass die Menschen in Amerika mehrere »Jobs« haben mussten, um mal eben so über die Runden zu kommen. Jetzt ist diese Art von Realität auch bei uns angekommen. Dabei haben es die Regierenden der Wirtschaft aber auch verdammt leicht gemacht: So würden Arbeitsplätze entstehen, hat man im Brustton der Überzeugung getönt und dabei Leiharbeit befördert, befristete Verträge und die allmähliche Aushöhlung der unabdingbaren Solidarität.
Wenn man sich das Drama um die Mindestlöhne anschaut, dann kann einem wirklich schlecht werden. Dass Regierungen keinen Deut christlich sind, das weiß man ja längst. Aber dass sie in einem solchen Maß unethisch handeln, ist unglaublich. Natürlich ist es nicht richtig, dauernd politische Eingriffe in die Tarifautonomie vorzunehmen. Wenn es aber (wie in vielen Fällen) der hoch gepriesene »Markt« nicht regeln kann, weil die Kräfteverhältnisse einfach nicht mehr stimmen, dann muss der Staat lenken. Man kann nicht eine Unzahl von Menschen in die Armut entlassen und die Transferleistungen dann der Allgemeinheit aufbürden. Die Arbeitgeber haben satt daran verdient, dass Hungerlöhne bezahlt wurden. Den Profit hat man – wie es sich im Kapitalismus gehört – eingesackt. Die Verluste werden sozialisiert.
Von dem, was man verdient, muss man leben können. Wenn es dafür aber nicht reicht, die Unternehmensgewinne jedoch steigen, dann ist das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Mich wundert, dass sich die Deutschen das alles so gefallen lassen. Bei den Montagsdemos vor der Lorenzkirche tummeln sich wenige Demonstranten. Die restliche Bevölkerung ist am Stadtstrand, beim Altstadtfest, auf dem Volksfest. Ihr scheint nichts vorenthalten zu werden. Der Deutsche mault am Stammtisch oder in der Straßenbahn, ist gut unterhalten und gefüttert – und merkt nicht, dass man ihm das Fell über die Ohren zieht. Es kostet wirklich Mühe, nicht zynisch zu werden und zu sagen: »Es geschieht ihnen recht. Man soll ihnen noch viel mehr Einschränkungen zumuten. Wahrscheinlich geht es ihnen noch viel zu gut!« Aber vom Glauben her kann man das nicht durchgehen lassen. Den Sozis nicht, der Union sowie den Grünen nicht und dem, was von der FDP übrig geblieben ist, auch nicht. Der Glaube an Gott und die Gewissheit, sich verantworten zu müssen, aktiviert im Hier und Heute, denn »Gerechtigkeit erhöht ein Volk« (Sprüche 14: 34).
Dieter Schlee
Gemeindebrief, Nov. 2011 (Abdruck mit Genehmigung der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Nürnberg-Lichtenhof Gustav-Adolf-Gedächtniskirche)
Abschiedspredigt von Pfr. Dieter Schlee
"Pfarrer Schlee ließ es noch einmal richtig krachen" (Nürnberger Nachrichten v. 1.2.2012)
Zum Abschied von Pfr. Dieter Schlee
"Gottes Seemann" (Nürnberger Nachrichten v. 30.12.2011)
Der kda wünscht Herrn Schlee einen erfüllten Ruhestand.
03.02.2012 00:00

