Kirche im Aufbruch: Kirche ist notwendigerweise politisch
HANNOVER / NÜRNBERG - Der künftige bayerische Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm stellt in einem Themenheft zum Reformationstag 2011 "10 Thesen zur öffentlichen Theologie" vor. Der kda versteht sich von jeher als Ort öffentlicher Theologie.
Foto: Feulner
10 Thesen zur öffentlichen Theologie
von Heinrich Bedford-Strohm
1. Nicht nur aus theologischen, sondern auch aus gesellschaftstheoretischen Gründen braucht die Zivilgesellschaft öffentliche Theologie.
Die demokratische Zivilgesellschaft ist angewiesen auf Orte, an denen Orientierungswissen gepflegt und ethisch reflektiert wird, sowie Institutionen, die solche Orte pflegen. Auch in der modernen Welt spielen die Kirchen dafür eine zentrale Rolle.
2. Die Kirche sollte nur öffentlich reden, wenn sie auch wirklich etwas zu sagen hat.
Der Versuch, sich durch Anpassung an das gesellschaftlich Übliche Einfluss zu sichern, ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch theologisch ein Armutszeugnis. Salz der Erde und Licht der Welt sein zu wollen, ist ein hoher Anspruch, nicht zu hoch für Christinnen und Christen, denn sie leben aus einem noch kräftigeren Zuspruch.
3. Wenn die Kirche öffentlich redet, tut sie das mit Mut und Demut.
Mit Demut, weil das eigene Zurückbleiben hinter den für sie verbindlichen Maßstäben jede Besserwisserei oder Belehrungsmentalität verbietet. Mit Mut, weil die Kirche aus der Verheißung des Reiches Gottes heraus lebt und daher niemals vor den Zuständen kapitulieren kann, sondern die verändernde Kraft des Reiches Gottes in der Gegenwart wirksam werden lässt.
4. In ihrem öffentlichen Reden politisiert die Kirche nicht, aber sie ist notwendigerweise politisch.
Den für die Rahmenbedingungen vieler täglicher Lebensvollzüge zentralen Bereich politischer Entscheidungen aus dem öffentlichen Reden der Kirche auszusparen und damit die Orientierung in diesem Bereich schuldig zu bleiben, wäre verantwortungslos.
5. Das öffentliche Reden der Kirche muss gegründet sein in ihrer Tradition.
Die Kraft dieser Tradition muss und kann auch in einer pluralistischen Gesellschaft öffentlich zur Geltung gebracht werden. Der Verzicht auf biblisch-theologisches Reden in der Öffentlichkeit enthält der Öffentlichkeit Entscheidendes vor. Seine Denkvoraussetzungen nicht zu verstecken, sondern offen auszuweisen, ist eine demokratische Tugend.
6. Das Reden der Kirche in der Öffentlichkeit muss zweisprachig sein – es muss die Sprache der säkularen Vernunft genauso beherrschen wie die Sprache biblischer und theologischer Begründungen.
Nur so kann deutlich gemacht werden, dass das Orientierungswissen der jahrtausendealten biblischen Überlieferungen und der seitdem entstandene Schatz der kritischen Reflexion dieser Überlieferungen nicht nur für Christinnen und Christen, sondern für alle Menschen guten Willens auch heute plausibel ist.
7. Das Reden der Kirche muss sachgemäß sein.
Sachgemäßheit hat deswegen ethische Relevanz, weil richtige moralische Intuitionen verbunden mit sachlichen Fehleinschätzungen kontraproduktive Wirkungen entfalten und nachhaltigen Schaden anrichten können. Sachgemäßheit ohne ethische Orientierung ist allerdings ebenso blind, wie es moralische Postulate ohne Sachgemäßheit sind.
8. Die Kirche darf sich in ihren öffentlichen Stellungnahmen nicht auf fundamentalkritische Einsprüche beschränken.
Sie muss ihre Existenz als „Kirche für andere und mit anderen“ auch in der konstruktiven Begleitung politischen Handelns bewähren. Der Auftrag zum Dienst in der Welt ist unvereinbar mit Lehnstuhlkritik und Politikverdrossenheit. Nur wer grundsätzlich bereit ist, sich auf die täglichen Dilemmasituationen politischer Entscheidungsträger/innen einzulassen, kann sie auch glaubwürdig kritisieren.
9. Das Reden der Kirche muss auch prophetisch-kritisch sein.
Denn ein rein pragmatischer Zugang politischer Ethik zur Tagespolitik birgt die Gefahr, die utopische Kraft des Reiches Gottes aus den Augen zu verlieren. Die biblischen Propheten haben mit guten Gründen immer wieder Grundsatzkritik geübt. Prophetische Kritik und konstruktive Alltagspolitik brauchen aber einander – keine von beiden hat den moralischen Vorrang.
10. Das öffentliche Reden der Kirche geschieht immer im Horizont der einen Welt.
Der christliche Glaube bezieht sich auf einen Gott, der Schöpfer, Versöhner und Erhalter der einen Welt ist. Nur eine Einheit suchende, ökumenisch ausgerichtete Kirche kann Inspirationskraft für die Einheit der Menschheit entwickeln.
aus: Raus mit der Sprache! - EKD Themenheft zum Reformationstag 2011 (S. 28)
Zum Beitrag von Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm im Rahmen der Dokumentation "Lernen aus der Krise" mit dem Titel: "Wirtschaft als Thema christlichen Glaubens"
27.07.2011 16:36


