Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
27.06.2017
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Pilgern auf dem Jakobsweg ab München

„Man kommt leichter zu jedem anderen als zu sich selbst“, sagte Jean Paul. Doch darf das nach einer ganzen Pilgerwoche ergänzt werden durch die daraus gewachsene Erkenntnis: „Man kommt leichter zu sich selbst, wenn man die Begegnung mit jedem anderen annimmt.“ Zum dritten Mal war ich nun schon dabei, bin den Münchner Jakobsweg in Etappen quasi rückwärts gegangen: zuerst die Strecke von Kempten nach Lindau, dann jene von Peiting nach Kempten, und nun die erste, von München auf den Hohen Peißenberg.


Foto: Renate Buchfelder

Foto: Rohrhirsch-Vollmer, Corinna

Foto: Rohrhirsch-Vollmer, Corinna

Foto: Kraus, Carmen, B.

 

Dabei hatte Pilgerleiter Diakon Thomas Ruthenberg vom kdg, dem evangelischen Kirchlichen Dienst im Gastgewerbe, immer einen besonderen Gipfel ans Ende der Etappe gestellt: Hohen Peißenberg, Auerberg, Pfänder. Jedes Mal lernten wir eine neue Sicht auf vertraute Wege, Dinge, Ansichten kennen. Jedes Mal luden uns meditative Zeilen, Psalmen und Lieder ein, uns selbst zu erforschen und in uns den ganz persönlichen Zugang zu Gott freizulegen. 

 

1.Dettenschwang 2.Utting 3.Schondorf 4.Wessobrunn 

Ganz nebenbei entdeckten wir die frische grüne Vielfalt der heimischen Wiesen und Wälder ebenso wie bis zu tausendjährige Bäume, wir bewunderten die Schlichtheit oder Üppigkeit der Kirchen, Kapellen und Klöster am Wegrand, schüttelten fremde Hände und lachten unbekannte Gesichter an, ließen uns von begnadeten Köchen bewirten und von liebevollen Gastleuten umsorgen.

 

Dazwischen, sozusagen im Vorbeigehen, im Mitgehen im Gespräch oder in der Stille, lernten wir über unser Gegenüber uns selbst kennen. Wir warfen ihm unsere Sonnenseite entgegen und blickten verblüfft auf die Schattenseite, die uns überholte. In diesem geschützten Raum fiel es leicht, sie anzunehmen als Teil unseres Selbst, untrennbar verbunden mit jenem, was wir gern aufpolieren und aller Welt zeigen.

 

Kein Licht ohne Schatten, der Schatten erst macht uns das Licht bewusst. Wie leicht das über die Lippen kommt nach drei Regentagen. Wie demütig wir die Regenschauer über uns ergehen ließen, knöcheltief durch den ausufernden Bach wateten und uns an nichts anderem als einer warmen Dusche und trockenen Kleidern erfreuten. An der kleinen Wandergesellschaft, die die Abendstunden mit uns teilte, an dem Boten, der das Essen brachte, so dass wir nicht noch einmal hinaus mussten.

 

Wie wir uns freuten am ersten Sonnenstrahl, der durch die tagelange Wolkendecke spitzte! Wie wir das unschuldige, leise Plätschern des Ammersees als angenehme Beruhigung empfanden! Wie wir den schattigen Weg als Abwechslung zur doch so lange ersehnten Sonne begrüßten! Und dann der erste Blick auf die Alpen! Eine Offenbarung! Welch schönes Land, in das uns Gott hineingestellt hat! Dankbarkeit erwuchs ganz von selbst aus all diesen Ausrufezeichen.

 

Dank auch für den Gepäcktransport der Wechselkleider, für das allabendlich vorzügliche Menü, für die unverhofften Wegbegleiter aus anderen Gruppen und den bis dahin unbekannten Gastwirt, der unseren Schuhen Trocknung und unserem Magen eine warme Suppe bot, für die Kunstwerke in den Parkanlagen und den grazilen Stuck in Kirchen und Klöstern, für die vielen Wege abseits befahrener Straßen und die Steinherzen, die sich zur Mitnahme anboten, für die herzlichen, achtsamen Menschen, die neben mir alle Wege mitgingen ... und nicht zuletzt Dank für den, der dies alles ausgetüftelt, organisiert und liebevoll begleitet hat. Danke, Thomas Ruthenberg, für diese unvergessliche Woche! Bis bald, auf neuen Wegen! 

 

Carmen B. Kraus, Landsberg am Lech, im Mai 2017


01.06.2017 15:54